
Australien in der PresseAustralier zeigen wie sie wirklich sind?
Eines meiner Lieblingsargumente, wenn ich mich über Amerikaner lustig mache, ist die Tatsache, dass ihre Zeitungen über dutzende von Seiten Berichterstattung über Amerika anbieten und es normalerweise schaffen, den Rest der Welt in einer knappen Spalte abzudecken. Das gleiche gilt - zu einem gewissen Grad - auch für Australien, obwohl dort ein wenig mehr über England berichtet wird. Nun, obschon ich mich damit brüste, dass in unseren Zeitungen der Auslandteil einige Seiten umfasst - mehr falls es aktuelle Anlässe rechtfertigen - muss ich zugeben, dass sich die internationalen Seiten hier in der Schweiz nicht sehr um Neuigkeiten aus dem grossen Südkontinent scheren.
Erstaunlicherweise wird Australien nicht gänzlich ignoriert sondern erscheint ab und zu doch in unserer Presse. Das Erstaunliche ist, dass Australien in diesen seltenen Fällen üblicherweise in ein recht schräges Licht gestellt wird. Ich habe mich seit längerem darüber lustig gemacht, aber die Ereignisse der letzten Tage haben mich veranlasst, in die Tasten zugreifen, um diesen Eindruck etwas präziser zu formulieren.
Um zu prüfen, ob ich nicht vielleicht ein vorbelastetes Bild der Berichterstattung über Australien habe, begab ich mich ins Archiv des Tages Anzeiger und suchte nach Artikeln vom 31. August 1999 und dem gleichen Datum 2001. Während diesen drei Jahren erschienen mehr als 500 Artikel mit Bezug zu Australien - ich schien unrecht gehabt zu haben und wir Schweizer ignorierten die Antipoden nun also doch nicht. Beim genaueren Hinschauen fiel mir jedoch auf, dass viele dieser Artikel Australien nur nebenbei erwähnten - sei es als Heimatland einer Sportsgrösse oder einer Schaupspielerin oder als Schauplatz eines Films. Ich weiss zwar, dass niemand in Australien Sport je nur nebenbei erwähnen würde, da bei uns aber andere Schwerpunkte gesetzt werden, kann ich diesen Erwähnungen nicht mehr Gewicht zugestehen.
Nachdem ich mir einige Gedanken machte, um mich zu erinnern, wovon die von mir so gern zum Spotten herbeigezogenen Artikel denn handelten, kam ich zum Schluss, dass es dabei vor allem um Innen- und Aussenpolitik ging. Das einzige Problem, das es nun noch zu lösen galt, war einen Suchbegriff zu finden, der die Sportnachrichten ignorieren und die politischen Beiträge finden würde. Was wählte ich? Nein, auf Pauline Hanson verzichtete ich, sonst hätte man mir zu Recht den Vorwurf gemacht, ich hätte eine Vorverurteilung vollzogen. Da ich trotzdem nicht übermässig wohlwollen war, entschied ich mich für die Suche nach Australien und Howard und clickte auf den Suchknopf.
Das Resultat waren 58 Artikel, die während der letzten 3 Jahren erschienen waren. Vier davon verwarf ich sofort wieder, da sie Sportresultate enthielten und sich Howard's Name hineingeschlichen hatte, ohne den Richtigen zu meinen. Von den verbliebenen, deckten 2 die olympischen Spiele aus rein sportlicher Sicht ab.
Von August bis Oktober 1999 erschien Australien nicht in unseren Zeitungen, um kurz in Erscheinung zu treten als sich Australien an der Urne entschied keine Republik zu werden um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden, bis John Anderson seine Rede hielt, in der er zur "Monogamie für Politiker" aufrief. Was für Reaktionen rufen solche Schlagzeilen in einer schweizer Leserin hervor? Ein Kopfschütteln? Eine erhobene Augenbraue? Vielleicht. Vermutlich ein dankbares Schmunzeln beim Gedanken an den gutmütigen Kerl, der versuchte uns ein zweites Monicagate zu ersparen. Und wen kümmern Republiken, anbetracht der Tatsache, dass wir für uns beanspruchen die Älteste aller Republiken zu sein. Ein Konkurent weniger, uns sollte es recht sein.
Während der ersten Hälfte 2000 bleibt Australien der GST wegen in unseren spöttischen Gedanken. Damenbinden als Luxusgüter zu deklarieren führt vielleicht Down Under zu einem schrei der Emörung, bei uns führte es vor allem dazu, dass wir uns lachend auf dem Boden wanden, beim Gedanken an den Idioten, der sich getraute eine solche Aussage zu machen. Wo hat der gelebt? Wer Australien kennt, weiss dass der Aufschrei einiger Millionen Frauen Howard nicht genug ängstigen würde, um zurückzukrebsen. Auf wirklich dünnes Eis begab er sich erst, als er versuchte das Bier der Männer zu besteuern. Die dominierende Sentiment in der Schweiz scheint Neugier zu sein, darüber wie es einer überleben wird, sein Wahlversprechen 'Nie, gar nie eine Steuer auf Konsumgüter zu erheben' zu brechen. Wie schnell kann man 'Read my lips' sagen? Das sind 3 Artikel über die GST. Von neckisch bis spöttisch.
Obwohl die olympischen Spiele erwarten lassen, viel Platz in den Nachrichten zu beanspruchen, liess die Paarung mit 'Howard' alle positiven Artikel, die auftauchen, wenn 'Australien' mit 'Sport' oder 'Reisen' kombiniert wird, durch die Maschen fallen. Die einzigen zwei Artikel die doch aufgeführt werden erwähnen die Olympiade nur kurz, bevor sie in erster Linie darüber berichten, wie Australien versucht sich einen modernen, progressiven Anstrich zu verpassen, während sich das Land schwer tut den Umgang mit seinen Minoritäten, wie den Ureinwohnern und den asiatischen Einwanderern, zu finden. 2 Artikel, die das nicht sonderlich geglückte Vertuschungsmanöve durchschauen und einen anklagenden Finger auf wunde Punkte wie Rassismus und Ungerechtigkeit legen.
Das scheint das Hauptthema zu sein. 11 Artikel handeln von Landrechten der Aboriginees, der gestohlenen Generation, den Lebensbedingungen in den Reservaten der Ureinwohner, die Rücknahme von Zugeständnissen, die die vorige Regierung gemacht hatte. Obschon es stimmt, dass vergangenes Unrecht nicht ungeschehen gemacht werden kann, ist es schwer Nachzuvollziehen, wieso es so schwer fällt sich zu entschuldigen. Die Tatsachen zu bestreiten hilft weder den Beziehungen der indigenen Bevölkerung zum weissen Australien noch lässt es die jetzige Regierung gut aussehen. Das schlechte Gewissen des gestohlenen Landes muss schwer auf Australiens Gewissen liegen. Auch ich sehe ein, dass es nicht praktikabel ist alles zurückzugeben, was vor Generationen gestohlen wurde, aber die Angst vor genau dem scheint jeden pragmatischen Ansatz zu lähmen und verhindert, dass mit den Aboriginees fair verhandelt wird. Das ist für mich unmöglich zu verstehen und zu akzeptieren. Und obwohl ich mir einmal sagen lassen musste, dass die Politik und Entschiede Australiens eine interne Angelegenheit sei und darum mich nichts angehe, halte ich zuwider, dass gewisses Unrecht über alle Grenzen hinweg schreit. Eine Ansicht, die in vielen Teilen der Welt geteilt wird und Australien ist sich dessen bewusst, Leute, die hoch in der australischen Tourismusbranche plaziert sind fürchten um den Ruf des Landes. 11 Artikel geben diesen Befürchtungen Grundlage. Intoleranz und Rassismus wird in diesen 11 Artikeln oft erwähnt - kein schönes Bild.
Rassismus ergibt leider noch einige weitere Treffer. Es scheint, dass Australien seine Politik des 'Weissen Australiens' doch nicht so gründlich hinter sich gelassen hat. 8 Artikel decken die australische Befindlichkeit gegenüber asiatischen Einwanderern und den asiatischen Nachbarländern ab. Regierungsbeamte werden zitiert, wie sie von der 'Gelben Bedrohung' reden, was einen üblen Nachgeschmack hinterlässt. Irgendwie weckt die Idee von Internierungslagern für illegale Flüchtlinge unangenehme Erinnerungen...
Die Wirtschaft muss blühen, wen kümmert die Umwelt. Dieser Satz wäre eine gute Zusammenfassung für 7 weitere Artikel, welche Themen wie das Abholzen der Urwälder in Tasmanien, der Raubbau an Millionen von Hektaren queenslandischen Waldes abdecken. Nachdem Australien in den letzten 200 Jahren 70% seiner Wälder abgeholzt hat, liegt es nur noch hinter Brasilien und Indonesion, wenn es ums Fällen von Bäumen geht. Die Möglichkeit, dass 90% der australischen Öl- und Gasreserven des Geldes willen an Shell verhökert werden, scheint im Vergleich harmlos.
Der Erfolg von Pauline Hanson's One Nation Partei scheint mit nur 3 Artikeln in Australien mehr Aufruhr als hier verursacht zu haben. Der Abbau der Sozialwerke, um die Benachteiligten für sich selber schauen zu lassen, wird in einigen wenigen Zeilen abgehandelt, die zeigen, dass die Armut in den letzen Jahren massiv gestiegen ist. Ein einzelner Artikel über einen Ex-Nazi, dessen Auslieferung an Lettland wegen der Trägheit der Regierung enormen Aufwand benötigte, ergänzt das schale Gefühl nur noch.
Lust auf ein paar Schlagzeilen?
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Es mag verwundern, dass ich - der mehr als 18 Monate im Land verbracht hat - so über Australien herzieht. Aktuelle Eregnisse. Ein norwegisches Schiff nimmt 400 Flüchtlinge in Seenot auf und versucht - in voller Übereinstimmung mit internationalem Seerecht - diese im nächstgelegenen Hafen an Land zu bringen, welcher nach eben erwähntem Seerecht verpflichtet ist diese Aufzunehmen. Diese Gesetzt scheinen für Australien nicht zu gelten. In arger Not nach der Schlappe mit der GST genügend Unterstützung für die kommenden Wahlen zu finden, getragen vom weitverbreiteten Rassismus macht die Regierung die Flüchtlinge zum Bauernopfer und sichert sich die Unterstützung weiter Bevölkerungskreise. Einmal mehr hat der Trick funktioniert, von inneren Schwierigkeiten abzulenken, indem man die Aussenpolitik vorschiebt. Da ich in einem Land wohne, dass Das Boot ist voll rief, widert mich diese Verhalten umso mehr an.
Natürlich ist mein Beitrag nicht fair. Er vernachlässigt die anderen 500 Artikel, in welchen Australien erwähnt wird. Ich habe die Kombinationen Australien und Sport oder Australien und Ferien nicht analysiert. Aber wenn ich meine Eindrücke und die australische Politik der letzten 13 Jahre betrachte, scheint mir Australien und Howard ein recht treffendes, wenn auch düsteres Bild zu zeichnen. Ich weiss, dass viele Australier diese Politik nicht vertreten, aber ich habe viele getroffen, die genau so denken, und das betrübt mich.
Kleingedrucktes:Trifft dies auf alle Australier zu? Nein. Wird dieser Beitrag vielleicht jemanden verärgern? Ja. Meine ich was ich schreibe? Zum Teil. Stosse ich mich an der Politik der jetztigen australischen Regierung? Ja. Geht es mich etwas an? Kommt drauf an, wen man fragt. Ist es das einzige Land, das Probleme hat? Nein. Ist zu Hause alles besser? Nein. Sollte dieser Beitrag mit etwas Zurückhaltung gelesen werden? Offensichtlich. Und jetzt zieh ab und lies etwas weniger kontroverses.Urs Beeli, Zürich, 2001-09-01
