
Gurten Festival 2001Einsicht eines alternden Helden
Da das Open Air St. Gallen wettermässig endgültgi seine sieben fetten Jahre zu haben scheint, muss anscheinend das Gurtenfestival nun mit sieben mageren Wetterjahren auskommen. Nachdem letztes Jahr schon im Vorfeld eine Woche lang das Wasser nur so vom Himmel triefte und die drei Konzerttage sich neben guter Musik in erster Linie durch permanenten Regen auszeichnete und man es dank kompetenter Kleidungsstrategie schaffte dem Sumpf wie dem Wasser zu trotzen, so konnte einem die Aussicht auf erneut mässiges Wetterglück nur bedingt schrecken.
Zwar masste man sich noch nicht an, sich im zweiten Jahr schon als alten Hasen zu betiteln, aber nach jahrelanger Pfadierfahrung und einer elfolgreich bestandend Schlammtaufe war man sich doch sicher, auch dieses Jahr wieder den Elementen trotzen zu können.Wo immer man seine Pläne, am Festival teilzunehmen kundgetan hatte wurde man in der Woche zuvor zwangsläufig mit hämischem Grinsen darauf aufmerksam gemacht, dass die Wetterprognose eher schlecht bis grauenvoll sei und es wurde umsomehr bewundernd zur Kenntnis genommen, dass man sich durch ein bisschen schlechtes Wetter ganz bestimmt nicht aus der Ruhe bringen lasse. Und da niemand nachfragte, lag es ja auch nicht an mir kundzutun, dass ich schon lange zu alt bin, um bei unflätigem Wetter sich zeltgeschützt dem Sumpf auszusetzen. Vor allem, da sich die Gelegenheit bot, mit einem kurzen Fussmarsch das elterliche, trockene, warme Domizil meiner Begleitung aufzusuchen. Und den unverdienten Respekt genoss ich völlig zu unrecht bar jedes schlechten Gewissens.
Aber man hatte die Rechnung ohne das Wetter gemacht. Dieses scheint die Tricks der Konzertgänger je länger desto besser zu kennen und obwohl es diesen nichts direktes entgegensetzen konnte, scheint es doch seine Tricks zu haben, die besten Schutzmassnahmen logistisch zu neutralisieren.
Am Freitag war es prognosengemäss sonnig und trocken, die kurze Regenschauer zog lange nach Mitternacht schnell über das der auf der Zeltbühne spielenden Band lauschende Publikum hinweg. Am Samstag war es sogar so sonnig und warm, dass wir nach einem Ausgiebigen Brunch noch im elterlichen Garten flätzten um uns dann im laufe des späten Nachmittags wieder bergann zu begeben. Auch diesmal war auf die Vorhersage erstaunlich viel Verlass, es gab verschiedene kurze Regengüsse kurzer Dauer, die erwartungsgemäss mit dem Regenschutz ausgestanden werden konnten, ohne dass das schwerere Geschütz wie Regenhose und Hut hätte her vorgenommen werden müssen. Gespenstigerweise senkten sich dann zwischendurch die Wolken so tief, dass vereinzelte Wolkenfetzen über das Festivalgelände hinwegzogen, fast so als würden Geister vergangener Tage nochmals den Tönen einer Mötley Crue lauschen wollen oder dass sie sich vielleicht von den Ärzten Heilung versprachen...
Der Sonntag begann konsequenterweise ebenfalls prognosekonform. Bei der meteorologischen Anstalt musste ein Poet am Werk gewesen sein, hiess es doch, dass am Sonntag "andauernde Niederschlage zunehmender Intensität" erwartet würden und dass am Abend ausserdem eine "Starkregenzone mit vereinzelten Gewittern" die ganze Angelegenheit noch unterstreichen werde.
Folgerichtig entschlossen wir uns nach einem wieder eher späten, dafür umso ausgiebigeren Brunch, uns diesen widrigen Umständen nicht vorzeitig auszusetzen, lockte doch auf Anfang Abend der reisser des diesjährigen Festivals: Manu Chao . So schätzten wir das Trockenbiotop der gastfreundlichen Stube, um dann rechtzeitig am Bahnhof unser nicht regenrelevantes Gepäck in einem Schliessfach zu verstauen bevor wir in Gesellschaft vieler ebenso umsichtig planender die Reise zum Fusse der Gurtenbahn antraten. In weiser Voraussicht hatten wir diesmal die Regenhose für den bevorstehenden Härtetest mit eingepackt, mit dem Plan, diese vor dem Ende der Tramfahrt fachgerecht anzuziehen.
Dies war die Grundlage unseres Schicksalsschlages. Das Wetter nutzte unsere Naivität heimtückisch aus, indem es uns in Sicherheit wiegte und einen Regenstop einlegte, während wir der Talstation der Gurtenbahn zuflossen. So warteten wir zu, auf dass es sich dann lohne, die Hose zu montieren und nicht unnötigerweise in Manier eines Michelinmannes sich als Regenhosentrager zu outen.
Mit umso grösserer Boshaftigkeit erlaubten wir uns dann jene tapferen, jungen Helden, welche die letzen 48 Stunden unter widrigsten Umständen auf dem Berg, umhüllt in undichte, kondenswassertriefende Zeltplanen verbrachten und nun nass bis auf die Haut den Heimweg antraten, als Memmen zu verschreien. Dies ist das Privileg der alternden Helden, sich im gleichen Atemzug über die vor Unvernunft strotzenden jungen Helden zu moquieren und diesen - so sie sich den Unbillen des ausdauernd ertragenen Wetters entziehen - dieses Heldentum abzusprechen.
Mit subtil cachierter Hinterhältigkeit liessen die Wettergötter dann den Regen wieder zunehmen, jedoch vorerst nur so schwach, dass es sich nicht lohnte, ein trockenes Stück Boden aufzusuchen, um die Regenhosen anzuziehen, und dann plötzlich doch stark genug, dass die Jeans schon so feucht waren, dass die Regenhose nur noch dazu gut gewesen wäre, die Feuchtigkeit am Ort zu halten - von der Unmöglichkeit die schlammstarren Schuhe durch die engen Kunststoffröhren zu zwängen mal ganz abgesehen. So trugen wir dann halt die Ausrüstung, welche es uns erlaubt hätte den jungen, verfehlten Helden zu demonstrieren, dass man mit Alters Weisheit auch den feindlichsten Umständen trotzen kann, unbenutzt in unseren Rucksäcken mit uns. Statt uns als alte Weise zu brüsten blieb uns so nichts anderes als - unsere trockenen Nächte vergessend - uns als alte Helden in Szene zu setzen.
Das Wetter des Vorjahres hatte den Vorteil, dass es das Festivalgelände schon während einer ganzen Woche vorbereitend aufweichen konnte, weshalb der diesjährige Niederschlag auch chancenlos blieb ein gleichwertiges Schlammbad anzurichten. Nichtsdestotrotz reichte es auch diesmal genug Schlamm entstehen zu lassen, dass Schuhe, Hosen und zum Teil auch Kopf und Fuss kunstovll gepflastert wurde. Und wer noch nicht wie eine Sumpfgestalt aussah, konnte die Chance während dem lange erwarteten Konzert von Manu Chao nutzen, sich im Schlammbad zu wäzen, da es sich sowieso nicht gelohnt hätte seine Konzentration in Richtung der Bühne zu lenken, hingen die Wolken doch nun so tief, dass man von eben dieser Bühne nur ganz schwach dank ein paar erhellter Flecken im Nebel die Scheinwerfer erahnen konnte. Manu Chao habe ich nie gesehen, ich wage zu glauben, dass ich kurz eines seiner Bandmitglieder schemenhaft erblickt habe.
Glücklicherweise haben mir die Zeitungen abgenommen zu bestätigen, dass Manu Chao im Nebel, den Sirenen der Odysse gleich, es schaffte, die vielen tausend Zuschauer auf den schlammenen Felsen auffahren zu lassen, oder sich doch wenigstens darin zu wälzen und fern jeder Angst vor der zwangsläufig noch folgen müssenden Reinigungsprozedur den fröhlichen Sommerklängen im novemberlich anmutenden Klima zu lauschen.
Und zum Schluss fragte man sich, wann denn die jungen, naiven Helden endlich lernen, dass man nicht ein ganzes Wochenende investieren muss, um durch und durch aufgeweicht zu werden, wenn sich dies doch auch in zwei Stunden erreichen lässt. Zugegeben, die zufrieden-nassen Gesichter nach zwei Stunden Manu Chao konnten den mürrisch-frustrierten Gesichtern der zweitägig durchnässten nicht das Wasser reichen (man verzeihe mir das Wortspiel ;-)
Urs Beeli, Zürich, 2001-08-19
