
CricketEine Absurdität geniessen
Ich kann mich nicht mehr genau an den Tag erinnern, an dem ich zum ersten mal jemanden Cricket spielen sah aber ich weiss noch genau, dass es wie Baseball aussah, das ich damals schon als unendlich langweilig und meiner Zeit nich wert klassifiziert hatte - eine Meinung an der ich uebrigens noch heute festhalte.
Ich kann mich hingegen präzise an den Tag erinnern, als ich zum ersten mal jemanden nach einer Erklärung fragte. Mir wurden dutzende unverständliche Worte an den Kopfe geworfen - einige davon gibt es wirklich ( duck, golden duck, floater, nelson, yorker, ) und andere erfunden einzig mit dem Zweck einen nicht eingeweihten zu verwirren (diamond, shred, blow-out). Da ich mich während des grössten Teils meines Lebens sowieso nicht um Sport geschert hatte genügte dieser milde Spott damit ich dem Spiel meinen Rücken zudrehte. Ich bin mir nicht sicher, allenfalls gab es noch den einen odere anderen Moment in meinem Austauschjahr als ich es in Betracht zog mehr über Cricket zu erfahren, aber meist gab ich dies aus irgendeinem valablen Grund wieder auf.
Ich meine, also wirklich! Es gibt ein Souvenir-Abtrockentuch, das The Cricket Story heisst und von den Vätern der Scherzkekse, welche mich an der Schule damals mit den irren Begriffen verarscht hatten, gedruckt worden sein musste. Ich werde mich nicht bemühen, alles wort-wörtlich wiederzugeben, aber es tönte in etwa so:
Eine Manschaft ist drinnen und die Andere draussen
Die Manschaft, die drin is hat zwei Leute drinnen
Wenn ein Spieler, der drin ist, raus ist
Ist er draussen und ein anderer kommt rein
Wenn alle, die drinnen sind, draussen sind
ist diese Mannschaft draussen und die andere drinnen.
Mehr brauchte es nicht, um mein Urteil, dass alle Irr sein mussten, die aus dem Spiel schlau wurden, zu bestätigen. Peinlicherweise muss ich zugeben, dass heute, da ich die Regeln kenne, jeder dieser blöden Sätze absolut korrekt ist, obwohl sie für mich damals unverständlich waren.
Ich kam ausserdem zum Schluss, dass das Spiel nicht nur unverständlich sondern auch noch äusserst langweilig ist und es überstieg mein Fassungsvermögen, dass ein ganzes Land tagelang zusehen konnte, wie die gleichen zwei Mannschaften immer und immer wieder gegeneinander antraten. In einer Test-Serie spielen die zwei Teams fünf Test-Spiele - welche je bis fünf Tage zu sechs bis acht Stunden dauern können. Farbe beim Trocknen zuzuschauen schien plötzlich unheimlich attraktiv! Wäre auf dem Spielfeld etwas geschehen hätte ich das Ganz vielleicht begreifen können. Aber da gab ein paar Typen, die einen kleinen Ball warfen und mit einem Schläger trafen, während elf andere den ganzen Tag nur rumstanden. Ab und zu, würde einer der Herumstehenden den Ball fangen, der aus irgendeinem Grund den Weg zu ihm gefunden hatte und diesen zurückwerfen. Liess er den einen Ball, den er hätte fangen sollen, fallen, würde das Publikum verärgert pfeiffen und murren und ihm für immer die Gunst entziehen. Was für abartige Menschen braucht es, um stundenlang in der Sonne zu stehen, nur um wegen ein paar Sekunden Unachtsamkeit zum Idioten des Tages zu werden.
Ich bin sicher, dass alle nachvollziehen können, wie ich zu Cricket stand, nach dem ich ihm mein erstes Jahr ausgesetzt war. Ich strafte es mit der ganzen Verachtung, die ich für einen Sport aufbringen konnte, der von Ländern gespielt wurde, welche nahezu keine Bedeutung in irgendeinem Sport von europäischer Wichtigkeit hatten. (Ok, ich habe die Engländer vernachlässigt aber obwohl sie von Fussball ja ne ganz gute Ahnung zu haben scheinen, sind sie es, die Cricket erfunden und über die halbe Welt verteilt haben).
So unsicher mein erster Kontakt zu Cricket war, so sicher erinnere ich mich an den Moment, als mir es endlich jemand richtig erklärte. Ich muss zugeben, dass ich nicht wirklich weiss, weshalb ich überhaupt fragte. Es muss wohl mit meinem unverständlichen Bedürfnis zu tun haben, beweisen zu wollen, dass ich offen genug sei, es zu versuchen, obwohl ich ja genau wusste, dass es so unnütz wie damals sein würde.
Zu meiner unglaublichen Überraschung schaffte es mein Gastvater, mir in zwanzig Minuten die Grundregeln zu erklären und ich musste zugeben, dass es eigentlich recht einfach tönte, wenn man mal auf all die absurden Begriffe verzichtete. Die die West Indies zur Zeit von den Australiern Spiel um Spiel vernichtend geschlagen wurden, hatte ich genügen Zeit mein neuerlerntes Wissen zu verfeinern. Wieder und wieder war ich sicher, einen Widerspruch in den Regeln, eine Schwäche im Grundkonzept, ein Spezialfall an den noch niemand gedachte hatte, gefunden zu haben, aber Cricket lässt einen beliebig in die Tiefen der Komplexität des Spiels tauchen, ohne seinen Kritikern auch nur einen Punkt zuzugestehen.
Kannst Du glauben, dass ich - der nie in seinem Leben auch nur den geringsten Reiz darin fand, einer Sportart beim Spiel zuzuschauen - bereit, nein begierig, war dem fünften Tag des dritten Test-Spiels beizuwohnen? Das Schicksal muss genauso ungläubig reagiert haben und bestrafte mich für meine frühere Verachtung des Spiels indem es die Australier den Match am vierten Tag gewinnen liess.
Aber nachdem ich es soweit gebracht hatte, war ich nicht bereit so leicht aufzugeben. Bei meinem Besuch in Melbourne ein paar Wochen später, besuchte ich nicht nur ein Cricket Spiel sondern tat dies richtig, indem ich es im MCG sah. Falls Du meinen obenstehenden Pöbeleien Aufmerksamkeit geschenkt hast, wirst Du sprachlos sein, wenn Du Dir vorstellst, wie ich inmitten von 80'000 Irren es genoss einen achtstündigen Tag-Nacht-Match zu sehen. Mir gefiel es sogar so gut, das ich weniger als einen Monat später in Hobart noch ein weiteres Spiel sah. Hätte ich die Gelegenheit gehabt frei zu nehmen, ich hätte wohl die Pilgerreise nach England auf mich genommen, um zu sehen, wie die Australier im folgenden Sommer den Engländern die Ashes abgenommen hätten.
Was brachte mich dazu eine 180°-Wende machen zu lassen?
Ich weiss es nicht. Aber gibt es einen anderen Sport, der jemanden zur Ekstase bringen würde, folgendes zu schreiben:
Lass mich Dir von einem Stück des unglaublichsten Feldspiels berichten, das ich seit Jahren gesehen habe. Letzten Sonntag spielte Australien gegen Südafrike. Ein südafrikanischer Schläger traf den Ball hart und liess mit einer Million Stundenkilometern ihn in tiefem Flug entlang des Bodens gegen die Feldgrenze rollen. Andrew Symonds rannte dem Ball nach, der ihn schon passiert hatte und drohte die Grenze vor ihm zu erreichen. Symonds warf sich durch die Luft, rutschte etwa 4 Meter dem Ball nach, in effektiv hinter sich lassend. Er schlug ihn mit seiner Hand zurück befor er die Grenze erreichte, aufsprang, den Ball packte und einen direkten, sehr niedrigen Wurf zum 80 Meter entfernten Wicket Keeper schaffte!Das heisst, eigentlich glaube ich es zu wissen. Es ist die Abwechslung. Dort zu sitzen, ohne dass etwas passiert und doch vor Spannung zu zittern, ob der Spannung wann wohl das nächste Wicket fallen wird. Die unerschütterliche Ruhe mit der die Feldspieler unbeweglich in tiefster Konzentration stehen, nur um innert Sekunden nach dem schicksalshaften Ball zu tauchen, der den Schlagmann herausspielen wird. Die ruhige Routine mit der ein Schlagmann Null um Null schlägt, um eine Sechs zu spielen, wenn er die Chance wittert. Die verschiedenen Arten, mit denen ein Werfer den Ball mit diesem unmöglich scheinenden Überarmwurf auf das Wicket zuschleudern kann. Es ist die Spannung zu wissen, wie viele Runs noch aufgeholt werden müssen und wie wenige Wickets dazu noch zur Verfügung stehen. Es ist die schlaue Strategie mit der die Captains die Reihenfolge der Werfer und Schläger wählen und wie sie ihre Feldspieler plazieren.
Wenn ich es mir genau überlege, ist Cricket eigentlich die einzige Entschuldigung, die ich für die Jahrhunderte englischer Kolonialisierung überhaupt gelten lasse. Es ist - schlussendlich - eine verdammt Gute.
Howzat?
Urs Beeli, Zürich, 2002-01-22
Duck Wenn ein Schlagmann, der keine Runs erreichte, aus dem Spiel scheidet. Golden Duck Wenn man für einen Duck beim ersten Ball des Spiels ausscheidet. Floater Ein Bein-Effet, ähnlich dem Verhalten nach einem Break (so benannt von Ramiz Raja) Nelson 111 Runs Yorker Wenn der Ball in der Nähe der Füsse des Schlagmanns oder zwischen seinen Füssen und dem Wicket aufspringt.
